Der Name ist nicht einfach ein Witz. Urlaub in Polen.
Er weckt Assoziationen an das Übertreten einer Grenze, deren Überschreitung Unbefugten verboten ist. Auf eine nicht immer friedfertige und erholsame Weise. Für Künstler wie Jan Philipp Janzen und Georg Brenner gehört sie vermutlich sowieso der Vergangenheit an. Statt Urlaub standen die Aufnahmen zum nach „Parsec“, „White Spot“ und „Health and Welfare“ vierten Album „Liquid“ an. Das Terrain, auf das sich Brenner und Janzen begaben, ist jenes wüste Gebiet, wo das Tier mit den vier Buchstaben die Welt beherrscht. Auch wenn man ein distinguiert aus dem Ärmel gehuldigtes „Let There Be Rock“ niemals von ihnen zu hören bekommen würde.Noch Anfang der 90er Jahre konnte man daran verzweifeln, dass Nirvana den vergessen geglaubten Authentizitätsmythos des Rock unplugged zementierten, während die Verbindung von Rock und Elektronik kommerziell auf kleiner Flamme köchelte. Es war – in den Nachwehen des Kalten Kriegs – eine Zeit der Entscheidungen. Wer sich daheim das Gejammer von ungewaschenen Kids anhörte, ging nicht in den Club zum Tanzen. Der Rest war Crossover. Diese Fronten sind heute genauso passé wie Alternativen zur Oder-Neiße-Linie als völkerrechtliche Grenze zwischen Deutschland und Polen. Der moderne Mensch ist Eklektiker, Popsongs werden von Hinz und Kunz elektronisch verfeinert, was dazu führt, dass Bands ihre eigenen Remix-Alben liefern. Die Lösung in einem solchen Fall wären abgespeckte Versionen – aber dafür müsste man ja gute Songs geschrieben haben...Da wären wir beim Thema: Urlaub in Polen betreten den Rockzirkus durch die Hinter- und verlassen ihn durch die Vordertür. Die Bühne, auf der sie über sich selbst hinaus wachsen, Fleisch werden, ist der Ort ihrer Verwandlung. Spätestens hier mutieren zwei virtuose Mucker mit DIY-Herz zur wahrhaftigen (Rock-)Formation - samt brillanten Songs im Gepäck. Eine Post-whatever-Band, die im Studio nicht mit den technischen Möglichkeiten spielt, sondern sie ihren Ideen unterwirft, und diese Ideen beeindruckend unter die Leute bringt. Schlagzeuger Philipp Janzen, der famos an die Taktgeber des Krautrock denken lässt. Georg Brenner, dessen Vocals andeuten, wie Mark Knopfler und Peter Gabriel in guten Bands gesungen hätten, während seine Gitarrenriffs nicht nur Angus Young wie einen Schuljungen aussehen lassen (natürlich können beide viel mehr und sind notorisch in Arbeit verstrickt...)Auf „Health and Welfare“ war es der Gospelchor am Ende von „Wanderlust“, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Diese besonderen Momente der Überrumpelung in den nach Formvollendung strebenden Songs wurden potenziert und sind in jedem Molekül von „Liquid“ auszumachen. Mehr denn je ist alles drin zwischen Vocoderstimme, Jazzkrümel, Abenteuerfanfare, Powerpopsynthesizer, Technobrett und Rockhymne. Mitunter brummt eine im Lot hochgezogene Wall Of Sound als fassbare Grenze zur Realität. So als hätte Phil Spector Blind Idiot God produziert. Ein echter Trip, kein Scheiß!



